Positionspapier zur Stellenkürzung an integrierten Gesamtschulen

der freien Träger des Förderprogramms Jugendhilfe in der Schule in Frankfurt am Main

Dieses Positionspapier richtet sich an das Hessische Kultusministerium sowie die Mitglieder des Hessischen Landtags, insbesondere des Bildungsausschusses, und bezieht zugleich schulische Interessenvertretungen und den kommunalen Schulträger mit ein.

Das Hessische Ministerium für Kultus, Bildung und Chancen verkündet eine Streichung der Zuweisung für Binnendifferenzierung an integrierten Gesamtschulen. Aus diesen Mitteln wurden bislang Lehrkräfte für Förderangebote, zusätzliche Lernzeiten, Team-Teaching und präventive Unterstützung finanziert.[1]

Die Streichung von Lehrerstellen hat strukturelle und funktionale Auswirkungen auf die Jugendhilfe in der Schule, da beide Systeme eng miteinander verzahnt sind und sich in ihrer Arbeit gegenseitig ergänzen.

Der Abbau von Lehrstellen führt zu einer Verdichtung von Arbeitsprozessen und einer Reduktion individueller Fördermöglichkeiten. Schüler*innen mit erhöhtem Unterstützungsbedarf können dadurch weniger intensiv begleitet werden. In der Folge befürchten die Träger des Förderprogramms Jugendhilfe in der Schule einen ansteigenden Bedarf an kompensatorischen Maßnahmen durch die Jugendhilfe. Dies hätte eine Zunahme struktureller Belastungen im Schulalltag sowohl für Lehrkräfte als auch für die Sozialarbeitenden als Konsequenz.

Lehrkräfte übernehmen neben der Wissensvermittlung auch wichtige sozialpädagogische Funktionen, etwa in der Förderung sozialer Kompetenzen oder der frühzeitigen Konfliktintervention. Bei personellen Engpässen verschiebt sich der Fokus stärker auf die Sicherstellung des Unterrichts, während präventive und beziehungsorientierte Arbeit in den Hintergrund tritt. Dies wird nach Auffassung und Erfahrung der Träger des Förderprogramms Jugendhilfe dazu, dass Problemlagen häufiger eskalieren, bevor sie erkannt werden, wodurch die Jugendhilfe verstärkt reaktiv statt präventiv tätig werden muss, was im Gegensatz zu ihrem Kernauftrag steht.

Ein zentrales Qualitätsmerkmal von Jugendhilfe in der Schule ist die enge Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und sozialpädagogischen Fachkräften. Zeitliche Überlastung und strukturelle Engpässe auf Seiten der Lehrkräfte erschweren bereits jetzt den fachlichen Austausch, gemeinsame Fallbesprechungen sowie die Koordination von Unterstützungsmaßnahmen. Eine weitere Reduzierung der Zeit für die Koordination der gemeinsamen Arbeit wird diese verunmöglichen. Dies mindert massiv die Wirksamkeit gemeinsamer Förderkonzepte, ist weniger nachhaltig und beeinträchtigt insbesondere im Kinderschutz eine multiprofessionelle Zusammenarbeit.[2]

Insbesondere Schüler*innen mit höheren Bedarfen sind auf verlässliche Unterstützungsstrukturen angewiesen. Wenn sowohl schulische als auch sozialpädagogische Ressourcen unter Druck geraten, steigt das Risiko von Bildungsbenachteiligung, sozialer Exklusion und schulischem Misserfolg. Konkret wird so das Erreichen von grundlegenden Bildungsabschlüssen und der Erwerb von Qualifikationen die das erfolgreiche Absolvieren, z.B. einer Ausbildung, erschwert. Unabhängig von den Rechten auf Bildung und Teilhabe kann es sich unsere Gesellschaft, auch aufgrund der demografischen Entwicklung, nicht leisten Potentiale von Kindern und Jugendlichen zu ignorieren.

Die Streichung von Differenzierungsstunden, die Abschwächung des Sozialindex sowie Kürzungen im Bereich Deutsch als Zweitsprache werden von den Trägern des Förderprogramms bildungspolitisch als ein erheblicher Einschnitt in die Struktur und Arbeitsweise von Integrierten Gesamtschulen verstanden.

Werden diese Stunden gestrichen, wird die innere Differenzierung massiv erschwert. Die Folge ist, dass das gemeinsame Lernen an Grenzen stößt – ein Kernmerkmal der IGS wird damit strukturell untergraben und das zentrale pädagogische Prinzip und damit auch die Arbeit der Jugendhilfe ebenso.

Die Kürzungen schwächen individuelle Förderung und Chancengleichheit und erschweren das Unterrichten heterogener Lerngruppen. Die Träger des Förderprogramms befürchten einen größeren Druck Richtung stärkerer Leistungsselektion – ein Schritt zurück in Richtung eines dreigliedrigen Schulsystems. Damit wird der Grundgedanke der IGS infrage gestellt.

Diese Entwicklung richtet sich gegen die Grundsätze der Jugendhilfe in der Schule.

Die Träger des Förderprogramms Jugendhilfe in der Schule fordern die Rücknahme der Kürzungen im Sinne der Schüler*innen.

Junularo Frankfurt e.V., Internationaler Bund Südwest, Evangelischer Verein für Kinder- und Jugendhilfe Rhein-Main e.V., Caritas Frankfurt, KUBI, IFZ


[1] https://www.gew-hessen.de/details/kultusministerium-streicht-stellen-an-integrierten-gesamtschulen

[2] Rahmenstandards Jugendhilfe in der Schule Stadt Frankfurt am Main

Verteiler: Hessisches Kultusministerium, Bildungsausschuss des Hessischen Landtags, Bildungspolitische Sprecher der Fraktionen, Staatliches Schulamt, Stadtschulamt Frankfurt, VdS Hessen, Stadtelternbeitrat, Stadtschüler*innenbeirat, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

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