Angad und Gunit – Ein Nachruf

Abschluss statt Abschiebung: Unsere Demonstrationen mit der Johanna-Tesch-Schule gegen die Abschiebung von zwei unserer Schüler im Frühjahr 2025


Was war passiert?

Im April 2025 wurden zwei Schüler der Johanna-Tesch-Schule im Alter von 12 und 15 Jahren abgeschoben. Dies geschah während der Frühlingsferien und die Schule erfuhr erst am ersten Schultag nach den Ferien davon. Die Familie lebte seit 2018 in Deutschland, die beiden Jungen besuchten die Grundschule und die weiterführende Schule. Der ältere der beiden befand sich unmittelbar vor seinem Hauptschulabschluss, er bereitete sich bereits intensiv auf diesen vor. An den Abschlussarbeiten konnte er schlussendlich nicht teilnehmen – denn die gesamte Familie wurde nach Indien abgeschoben. Dies war für die Schule ein großer Schock. Die Freundinnen und Klassenkameradinnen der beiden Jungen blieben in Sorgen, Trauer und Angst zurück. Zwei Stühle an der Johanna-Tesch-Schule sind bis heute leer. Es gab keine Möglichkeit, die beiden Jungen zurück in ihren Lebensmittelpunkt zu holen. Die Familie, die afghanischer Herkunft ist, wurde nach Indien abgeschoben. Dort hatten sie weder soziale Kontakte, noch finanzielle Möglichkeiten oder Sprachkenntnisse. Sie gehören außerdem der Glaubensgemeinschaft der Sikh an, einer verfolgten Minderheit.

Eine solche Abschiebepraxis darf nicht stillschweigend hingenommen werden.

Im Rahmen des Auftrags der Jugendhilfe wurde schnell deutlich: Eine solche Abschiebepraxis darf nicht stillschweigend hingenommen werden. Nach einigen Gesprächen wurde eine Demonstration angemeldet, um als Schulgemeinschaft für die Rückholung der beiden Jungen und, im Sinne des Kindeswohls, der Familie zu plädieren. Gleichzeitig wurde eine Petition gestartet, welche forderte, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene nicht abgeschoben werden dürfen, Bleibeperspektiven im Sinne des Grundgesetzes und der UN-Kinderrechtskonvention gesichert werden und dem Wohl des Kindes Vorrang gegeben wird. Zudem wurde die Rückholung der beiden Jungen und ihrer Familie gefordert sowie ein Verbot einer Abschiebepraxis, die den Betroffenen ihr Recht auf rechtliche Unterstützung verwehrt und möglichen Rechtsbruch in Kauf nimmt. Die Petition unterschrieben 3071 Menschen. Es wurden zudem Spenden für die Familie gesammelt.


Mitschüler*innen und Freund*innen demonstrieren.

Im Rahmen der Demonstration beteiligten sich die Schülerinnen der Johanna-Tesch-Schule zahlreich. Es wurde ein Banner hergestellt, mit welchem der Demo-Zug angeführt wurde, viele Schülerinnen schrieben Plakate mit Botschaften, sie überlegten sich Protest-Rufe und bereiteten Redebeiträge vor, die sie dann bei einer Eröffnungs- und Abschlusskundgebung vortrugen. Die Demonstration umfasste ca. 500 Teilnehmerinnen, darunter Schülerinnen und Lehrkräfte der Johanna-Tesch-Schule, Mitarbeiterinnen von Junularo, aber auch verschiedene Initiativen aus dem Stadtteil, Stadtelternbeiräte und wohltätige Organisationen wie Omas gegen Rechts und die Seebrücke. Der hessische Flüchtlingsrat unterstützte sowohl in der Vorbereitung als auch in der Umsetzung der Demonstration.

Die Vorbereitung und Durchführung der Demonstration wurde durch einige Freundinnen und Bekannte unterstützt, diese setzten sich als Privatpersonen ebenfalls für die Forderungen ein, indem sie an der Demonstration teilnahmen und die Aufgabe von Ordnerinnen übernahmen. Ein Videograf aus dem Bekanntenkreis stellte seine Dienste kostenfrei zur Verfügung und erstellte vor Ort Videos und Fotos. Der Zentralrat der afghanischen Hindus und Sikhs beteiligte sich an der Demonstration und organisierte im Nachgang eine zweite Kundgebung auf dem Rossmarkt. Viele Pressevertreterinnen waren vor Ort, die Hessenschau berichtete ebenfalls. Kurze Zeit nach der Demonstration wurde ein Beitrag für das ZDF gedreht, in dem die Schülerinnen der Johanna-Tesch-Schule ihre Betroffenheit ausdrücken konnten. Neben dem großen öffentlichen Interesse wurde auch die Kommunalpolitik auf das Thema aufmerksam. Verschiedene Abgeordnete der Stadtversammlung positionierten sich im Rahmen ihres politischen Auftrags zu der Abschiebung und brachten den Fall in die Ausschüsse der Stadt ein. Die Mitarbeiterinnen der Jugendhilfe wurden in den Sozial- und in den Diversitätsausschuss im Römer eingeladen und präsentierten dort den Fall sowie die Forderungen der Petition. Im Nachgang fand ein Gespräch mit der Bundestagsabgeordneten Deborah Düring in den Räumlichkeiten der Jugendhilfe statt sowie ein E-Mail Austausch mit Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour. Die Bundestagsfraktion der Grünen stellte in Anlehnung an diesen Fall eine Anfrage im Bundestag zur Abschiebung von Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft Sikh.


Im Juli 2025 fand anknüpfend an die erste Demonstration eine Kundgebung an der Bockenheimer Warte statt. Bei der Organisation unterstützen die Jakobsgemeinde, der hessische Flüchtlingsrat, das Jugendbüro Lichtblick und die Initiative Zukunft Bockenheim. Erneut bereiteten einige Schülerinnen der Johanna-Tesch-Schule Redebeiträge vor. Zudem beteiligten sich die Omas gegen Rechts, Timmo Scherrenberg (Hessischer Flüchtlingsrat), Emre Telyakar (Stadtverordneter, Bündnis 90/Die Grünen), Janine Wissler (Bundestagsabgeordnete, Die Linke) sowie Mirrianne Mahn (Politikerin, Stadtverordnete, Autorin, politische Aktivistin) jeweils mit einem Redebeitrag.

Was bleibt?

Im Stadtteil hat sich im Nachgang ein Bündnis aus verschiedenen Einrichtungen gegründet, welches sich dem Thema Abschiebungen annimmt, Hilfestellung leistet und sich stets weiterbildet. In der Stadtverordnetenversammlung wird aktuell über einen Code of Conduct gesprochen, der sich gegen Abschiebungen von Kindern und Jugendlichen aus Schulen, Kitas und Behörden ausspricht. In der Johanna-Tesch-Schule hat diese Erfahrung einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Jugendlichen wurden gehört, ihre Anliegen und Botschaften wurden ernst genommen. Sie konnten sich für ihre Freunde und für eine sichere Zukunft einsetzen und erleben, was Demokratie bedeuten kann – sich gegen Unrecht und Diskriminierung einsetzen und laut sein für Toleranz, Gleichberechtigung und sichere Perspektiven. Einige der Schülerinnen wurden im Nachgang für verschiedene Kundgebungen als Redner*innen angefragt. Dennoch bleiben die Stühle der beiden Jungen leer – die Aufarbeitung dieses Erlebnisses wird noch weiter ein Bestandteil des schulischen Lebens sein.

Alttext: Junge Menschen bilden die Spitze eines Demonstrationszugs. Sie tragen ein Banner, auf dem steht: Abschluss statt Abschiebung!

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